Google zeigt Lake Ontario als Lake of Amerika
Seit über 400 Jahren heißt er Lake Ontario. Ein See, den die Wyandot-Ureinwohner „Ontarí:io“ nannten – „großer See“. Einer der fünf Großen Seen, durch den die Grenze zwischen den USA und Kanada verläuft. Vergangenen Donnerstag setzte Donald Trump seinen Filzstift unter ein Dekret und taufte ihn in „Lake America“ um. Zwei Tage später zog Google Maps nach. Für US-Nutzer existiert der Lake Ontario nicht mehr.
Was passiert ist
Am 28. August 2026 unterzeichnete Trump die Verfügung zur Umbenennung – mitten im eskalierenden Zollstreit mit Kanada, nachdem Handelsverhandlungen gescheitert waren und beide Seiten gegenseitige Zölle von bis zu 50 Prozent angekündigt hatten. Die Begründung: Der See grenze an US-Territorium, also stehe Amerika ein passenderer Name zu. Google passte seine Karten am Samstag an, mit dem üblichen Verweis auf die US-Toponym-Datenbank GNIS, die jetzt offiziell „Lake America“ führt. US-Nutzer sehen den neuen Namen, Kanadier weiter „Lake Ontario“, der Rest der Welt beide – die gleiche Methode wie beim „Golf von Amerika“ Anfang 2025.
Dass Google bei der Umbenennung eines Sees mitmacht, der halb zu Kanada gehört und dessen Name seit Jahrhunderten steht, ist an sich schon bemerkenswert. Richtig absurd wird es, weil die Änderung auch auf kanadische Behördenwebsites durchsickerte, die Google-Maps-Daten einbetten – Ontario zeigte kurzzeitig „Lake America“ auf seinen eigenen Regierungsseiten. Kanadas Premierminister reagierte am Wochenende, Ontarios Provinzpremier Doug Ford ließ demonstrativ ein Schild mit der Aufschrift „Lake Ontario“ am Seeufer enthüllen.
MapQuest sagt Nein – und stürmt die Charts
Ausgerechnet MapQuest, ein Kartendienst aus den 90ern, den die meisten für tot hielten, lieferte die lauteste Antwort. Am 27. August postete das Unternehmen drei Wörter auf X: „We’re not changing it.“ Die Folge: über 100.000 Downloads allein am Sonntag, Platz 1 im kanadischen App Store, Platz 4 in den USA, 50-facher Anstieg der Nutzung – der beste Tag seit einem Jahrzehnt. MapQuest veröffentlichte sogar ein Tool, mit dem Nutzer den See umbenennen können, wie sie wollen. Apple Maps zeigt Stand heute weiterhin „Lake Ontario“ – die Trump-Administration hat Apple aber bereits direkt kontaktiert.
Déjà-vu: Erst der Golf, dann der See
Es ist das zweite Mal in 18 Monaten. Im Januar 2025 wurde der Golf von Mexiko per Dekret zum „Golf von Amerika“ – ein Vorgang, der sich in ein Muster einfügt: Die USA beanspruchen Kontrolle über Infrastruktur, Daten und jetzt auch über Geographie. Google zog damals mit, Mexiko konterte sarkastisch mit dem Vorschlag, Nordamerika in „América Mexicana“ umzubenennen, und reichte im Mai 2025 Klage gegen Google ein. Denali wurde zum Mount McKinley. Die Landkarte wird zum politischen Werkzeug – und wer die Karte kontrolliert, kontrolliert die Wahrnehmung.
Was das mit dir zu tun hat
Die Geschichte klingt wie ein schlechter Witz, und sie wird auch so behandelt – Memes, Kommentare, Haha. Aber unter der Oberfläche zeigt sie etwas Ernstes: Wenn ein einziges Dekret ausreicht, damit der weltweit größte Kartendienst die Realität umschreibt, dann geht es nicht mehr um einen See. Es geht um die Frage, wer bestimmt, was du siehst, wenn du dein Telefon aufmachst. Google entscheidet für dich, welche Version der Welt du angezeigt bekommst – je nachdem, wo du stehst und welche Regierung gerade Druck macht.
MapQuest hat gezeigt, dass Widerstand möglich ist und sogar belohnt wird. Aber MapQuest hat 0,1 Prozent Marktanteil. Auf deinem Smartphone entscheidet Google – es sei denn, du entscheidest es selbst. Wer ein Betriebssystem nutzt, das nicht im Auftrag eines Konzerns konfiguriert wird, bestimmt selbst, welche Karten-App welche Daten zeigt. OsmAnd, Organic Maps, Magic Earth – die Alternativen existieren, sie nutzen OpenStreetMap-Daten statt Google-Datenbanken, und kein Dekret der Welt ändert dort den Namen eines Sees. Dein Gerät, deine Karte, deine Entscheidung.
Quellen
- Tagesspiegel – Nach Trumps Umbenennung: „Lake Ontario“ wird auf Google Maps zu „Lake America“ (30.08.2026)
- t-online – „Lake America“: Trump benennt Ontariosee um – Kanada protestiert (28.08.2026)
- Wetterauer Zeitung / Merkur – Seit 400 Jahren heißt er Lake Ontario – Trump tauft ihn per Dekret um (31.08.2026)
- netzpolitik.org – Trumps Propaganda: Google Maps und der Umgang mit Autokraten (13.02.2025)
- ZDFheute – Nach Trumps Erlass: Google ändert Namen von Golf von Mexiko (11.02.2025)